Vortrag in der Bücherei
Ré Soupault – Vom Bauhaus in die Welt (und nach Pöcking)
am 5. Februar 2026
„Es gehört Kultur dazu, das Einfache zu lieben“ – das Zitat stammt von Ré Soupault (1901 – 1996), Autorin, Fotografin, Avantgarde-Filmerin, Modeschöpferin, Übersetzerin, Essayistin. Das Literaturcafé Waschhäusl widmete dieser außergewöhnlichen Frau einen interessanten, informativen und unterhaltsamen Abend. Am 5. Februar 2026 war Manfred Metzner, der Verleger des Heidelberger Wunderhorn Verlags zu Gast in Pöcking und erzählte aus dem Leben der Ré Soupault. Er kannte sie noch persönlich, ist Erbe und Verwalter ihres künstlerischen Nachlasses.
Geboren als Erna Niemeyer in Pommern, studierte sie von 1921 bis 1925 am Bauhaus in Weimar, arbeitete danach als Avantgarde-Filmerin und Modejournalistin. 1929 ging sie nach Paris und gründete bald ihr eigenes Modelabel „Ré Sport“. Unter anderem entwarf sie das wandelbare „Transformationskleid“ für verschiedene Anlässe im Alltag berufstätiger Frauen. Den Namen Ré hatte ihr der Dada-Künstler Kurt Schwitters verliehen.
Während des Vortrags in der Gemeindebücherei fielen eine Menge weiterer Namen, hauptsächlich berühmter Männer vom Anfang des 20. Jahrhunderts. Manfred Metzner bot anhand des Adressbuches von Ré Soupault eine Art Who-is-Who der deutsch-französischen künstlerischen Avantgarde von vor und nach dem Zweiten Weltkrieg. In deren Pariser Kreisen traf die junge Modemacherin ihren zweiten Ehemann, den Surrealisten Philippe Soupault. Mit ihm unternahm sie ab Mitte der dreißiger Jahre zahlreiche Reisen durch Europa, Tunesien, Algerien, Nord-Mittel- und Südamerika. 1938 zog das Ehepaar nach Tunesien. Philippe sollte dort einen antifaschistischen Radiosender aufbauen. Ré fotografierte und schrieb. Als die Deutschen anrückten und Tunesien dem Vichy Regime unterstand, wurde Philippe verhaftet. Bange Tage für seine trotz allem beherzt agierende Frau. Die weltpolitische Lage zwang das Paar schließlich ins New Yorker Exil. 1948 kehrte Ré Soupault nach Europa zurück. Getrennt von Philippe. Der hatte etwas mit einer jüngeren Frau angefangen.
„Ist Freiheit Reife? Vielleicht umgekehrt. Jedenfalls die innere Freiheit.“
Von Fahrten mit ihrem Velosolex durch Frankreich und Süddeutschland hinterließ Ré Soupault wunderbar kluge Reisetagebücher. Sie lebte in Frankreich und der Schweiz, ihren Lebensunterhalt bestritt sie als Radio-Essayistin und Übersetzerin aus dem Französischen. Der Wunderhorn Verlag hat diese Texte nach und nach in Buchform herausgebracht, ein großes Verdienst. Als intimer Kenner von Ré Soupaults Leben und Werk war der Verleger an diesem Abend so ins Erzählen vertieft, sehr anschaulich und anekdotisch, dass darüber leider keine Zeit blieb, auch Texte von Ré Soupault vorzulesen.
Ab 1973 lebte das Ehepaar Soupault wieder zusammen im selben Haus in Paris, jedoch in getrennten Wohnungen, rechts und links vom Flur. 1981 lernten sie auf einer Reise den Verleger Manfred Metzner in Heidelberg kennen, der sie auch mehrmals in Frankreich besuchte. Sechs Jahre nach dem Tod von Philippe starb Ré 1996 in Versailles.
Texte und Bücher zum Nachlesen beim Wunderhorn Verlag