Sufi-Lyrik und Steinharfe
„Inmitten von Flammen ein Garten“ – Rasha Ragab und Christoph Nicolaus
Nein, sie kamen nicht auf dem Kamel zum Waschhäusl geritten. Der Auftritt von Rasha Ragab und Christoph Nicolaus am 18. September 2026 war aber auch so ganz wundersam und beeindruckend. Als Künstlerduo nennen sich die beiden toffaha – arabisch für Apfel. Sie ist in Kairo geboren und aufgewachsen, er am Starnberger See. Orient meets Okzident. Gemeinsam treten sie mit Performances, Videos, Musik und Ausstellungen in Erscheinung, zu zweit oder auch im Projekt „Expanding time“ mit anderen Künstlerinnen und Musikern. Ihre Kunst erzeugt eine stille, fast meditative konzentrierte Atmosphäre. Im bis auf den letzten Platz besetzten Literaturcafé breitete sich diese Konzentration bereits nach den ersten Steinharfen-Klängen aus. Gespanntes und zugleich entspannendes Zuhören, Lauschen, sich einlassen auf die raumfüllende Entfaltung der Töne. Steinharfe ist ein seltenes Instrument, bei dem auf spezielle Weise eingesägte Steinblöcke mit nassen Händen in Resonanz gebracht werden. Es entstehen beinahe sphärische Klänge mit großem Obertonreichtum und sehr weitem Klangspektrum.
Christoph Nicolaus sitzt vor dem schweren Instrument, einem gerundeten schwarzen Steinblock mit polierter Oberfläche und streichelt es mit seinen Händen. Rasha Ragab rezitiert im Wechsel mit der Musik Sufi-Lyrik auf arabisch. Es geht nicht darum, Wort für Wort zu verstehen, sondern um Berührung anderer als intellektueller Art.
Der Dichter, aus dessen Gedicht „Ich habe mich der Religion der Liebe“ verschrieben der Titel des Abends stammt, heißt mit vollem Namen Muhyī d-Dīn Abū ʿAbd Allāh Muhammad ibn ʿAlī Ibn ʿArabī al-Hātimī at-Tāʾī – hierzulande Ibn Arabi. Geboren 1165 im spanischen Murcia, gestorben in Damaskus in Syrien. Er war Philosoph, Gelehrter, Mystiker. Er gilt vielen als Advokat religiöser Toleranz. Diese Informationen erfuhr das Publikum hinterher im Gespräch mit dem Künstlerpaar. Im Anschluss konnte, wer wollte, sogar selbst die Finger in die bereitgestellten Wasserschalen tunken und mit den Händen über die Steinharfe streichen.
Es war ein intimes gemeinschaftliches Erlebnis, das so vielleicht nur an Orten stattfinden kann, die jenen geheimnisvollen Gärten inmitten von Flammen gleichen. Zumindest einen Abend lang.
